Russland im Zangengriff: Eine aktuelle Betrachtung
Russland im Zangengriff
Putins Imperium zwischen Nato, China und Islam
von Peter Scholl-Latour
Eine Betrachtung vor aktuellem Hintergrund v. Michael Mansion
Warum Peter Scholl-Latours Analysen von 2007 heute aktueller sind denn je und was der moderne Haltungsjournalismus davon lernen müsste.
Die Frage nach der politischen Leitkultur
Was ist eigentlich von einer politischen Leitkultur zu halten, die den Souverän dazu ermahnt, möglichst alle Anstrengungen zu unterlassen, die zu einem Verständnis politischer Strategien führen könnten, für die man bereits eine vorgefertigte, gewissermaßen amtliche Deutung parat hat?
Diese Frage drängt sich angesichts der Lektüre des recht umfangreichen Buches auf, von dem man zunächst vielleicht nicht annehmen würde, dass es von solcher Aktualität ist. Die erste Auflage erfolgte 2007 und der Autor verstarb im Jahre 2014. Eine 19. Auflage schaffte der Titel 1924.
Was aber ist so aktuell aus der Sicht eines Journalisten, der nun schon zwölf Jahre nicht mehr unter uns weilt? Immerhin haben wir einen Krieg auf europäischem Boden zu beklagen, Indien, aber vor allem China sind zu Weltmächten herangewachsen und die führende Industriemacht Europas kämpft mit einer wirtschaftlichen Rezession großen Ausmaßes!
Moral statt Analyse: Der moderne Haltungsjournalismus
Seit Jahren befinden wir uns in einer Situation, wo die Berichterstattung über das nationale und das internationale politische Geschehen ganz bestimmten Vorgaben zu folgen scheint, die eine moralische Leitlinie für sich beanspruchen. Das, was geschieht oder geschehen sollte, erfährt auf diese Weise eine moralische Zuordnung, fernab aller interpretationsfähigen Interessensphären.
Der damit in dieser Weise befasste Journalismus hat sich selbst bereits ein Gütezeichen verliehen, mit dem er unangreifbar zu werden hofft. Als „Haltungsjournalismus“ will er seine Berichte und Kommentare möglichst ohne eine Berücksichtigung kulturell und historisch gewachsener Besonderheiten in den allgemeinen Menschenrechten aufgelöst wissen. Der Antagonismus, der dabei befördert wird, betrifft dabei nicht etwa die Menschenrechte, sondern das vermeintliche Recht kulturfremder Völkerschaften, die Kultur ihrer Gastländer fundamental in Frage zu stellen und ihr in Einzelfällen auch feindlich zu begegnen.
An anderer Stelle überrascht der Haltungsjournalismus zugleich mit einem geradezu kriegerischen Habitus gegenüber einem kriegführenden Land (Russland), obwohl man von ihm selbst nicht angegriffen wurde. Das ist ein offensichtlicher Ausdruck von Verwirrtheit durch ein Beurteilen des Weltgeschehens unter rein moralischen Aspekten.
Das Erbe erfahrener Berichterstattung
Wie wäre dem zu entgehen?
Zu setzen wäre auf einen großen fundus von Erfahrungen, persönlichen Kontakten und einem über Jahre entstandenen Netzwerk von verlässlichen Zuträgern.
Das ist ein hoher Anspruch, der einige Jahre Arbeit voraussetzt und eine nicht enden wollende Bereitschaft, sich auch mit unangenehmen Themen zu beschäftigen.
Zweifellos ist das von noch jungen Journalisten nicht zu bewältigen, aber warum sollten sie das auch können, wenn es doch ältere Semester geben müsste, die nicht nur bei AFP, Reuters und UPI abschreiben oder mit kugelsicheren Westen und einem Helm auf dem Kopf (vorzugsweise junge Frauen) mindestens 10 km von der Front entfernt als Kriegsberichterstatter firmieren und uns die Welt ganz neu erklären.
Was könnte von einen Journalismus erwartet werden, der als kritisches Korrektiv mehr ist als ein regierungsamtlicher Medienverstärker?
Die Zwangsbeitrag zahlenden Medienkonsumenten haben ein Anrecht und einen Anspruch auf eine analytisch anspruchsvolle journalistische Beurteilung weltpolitischer Situationen.
Ganz sicher gab es zu allen Zeiten auch Persönlichkeiten, die, wie im Falle von Peter Scholl-Latour, über viele Jahre von einer umfangreichen Erfahrung profitieren konnten.
Die Frage nach dem gewollten Journalismus
Die sich heute dringender als zuvor stellende Frage will jedoch geklärt wissen, ob ein solcher Journalismus eigentlich gewollt ist.
Hinsichtlich des Buches „Russland im Zangengriff“ hat der Autor ein sehr umfängliches Material zusammengetragen, das einen tiefen Einblick vor allem in das Russland nach Gorbatschow ermöglicht. Wir erinnern uns noch der entsetzten Reaktionen in den deutschen Medien nach der einige Jahre zurückliegenden Bemerkung von Wladimir Putin, dass der Untergang der Sowjetunion eine Katastrophe gewesen sei. Es wurde insinuiert, er trauere dem vermeintlichen Kommunismus nach und mir ist nicht erinnerlich, dass man medial bemüht gewesen wäre, das Desaster des Zusammenbruches aller dort zuvor halbwegs verlässlichen Strukturen zu thematisieren.
Unter dem Banner einer forcierten Landnahme via EU und NATO in einem Territorium, das zuvor im Einflussbereich der UdSSR lag, bei gleichzeitigem Zusammenbruch des östlichen Verteidigungsbündnisses Warschauer Pakt, muss die aktuelle Situation nicht unbedingt ein überwältigendes Erstaunen auslösen. Betroffenheit ist aber durchaus angesagt.
Nicht zuletzt ein Journalist wie Peter Scholl-Latour hat als profunder Kenner der russischen Situation dringend auf die Beachtung dieser Besonderheiten hingewiesen, die auf dem Territorium der ehemaligen SU destabilisierend gewirkt hatten und Russland ist wirtschaftlich zu schwach, als dass es sich hiervon hätte erholen können.
Innere Unruhen und der Druck aus dem Osten
Darüber hinaus haben die Maßnahmen der Staatsabwicklung zu einem Erstarken sezessionaler, nationalistischer und vor allem auch durch den Islam angetriebenen schwer einzuschätzenden „Bewegungen“ und kriegerischen Auseinandersetzungen in einigen Grenzregionen geführt.
Ein andauerndes und zudem kein geringes Problem, ist eine zunehmende ökonomische Präsenz Chinas im Fernen Osten der ehemaligen SU.
Einerseits haben diese Aktivitäten durchaus eine Reihe von Vorteilen für die Versorgung, wirken jedoch zugleich wie eine Schmach und Diskriminierung, was mit Problemen des russischen Arbeitsmarktes zusammenhängt. Die gegenüber China bekundete Freundschaft ist für Russland als dem schwächeren Partner ein Drahtseilakt.
Geostrategie und das Fehlen diplomatischer Vernunft
Scholl-Latour vermittelt ein Russland Bild, das eher von Schwäche gekennzeichnet ist und dem Anspruch einer Großmacht nicht gerecht werden kann.
Das gilt es im Rahmen geostrategischer Überlegungen und Interessen zu bedenken. Das bedarf eines entsprechenden Wissensstandes und einer klugen Diplomatie.
Allerdings hat es den Anschein, dass man sich in West-Europa auf eine dauerhafte Dämonisierung Russlands verständigt hat. Das Gebot des Erlangens militärsicher Stärke mit einer eindeutigen Feindbestimmung dominiert die Debatten, während die Bereitschaft zu einem Vernunftfrieden zwischen Russland und der Ukraine an der Strategie des Westens zu scheitern scheint.
Diese sieht in der Fortdauer des Krieges ein Zeitfenster für die Schaffung der eigenen Verteidigungsbereitschaft, weil man davon auszugehen scheint, dass im Falle eines Friedens hierfür in der Bevölkerungsmehrheit (vor dem Hintergrund zunehmender wirtschaftlicher Schwierigkeiten) kein Rückhalt mehr gegeben wäre.
Fazit: Ein Plädoyer für journalistische Unabhängigkeit
Diese oder andere Einsichten wären von einem Journalismus zu erwarten, der sich nicht hat kaufen lassen, nicht zum Teil regierungsamtlicher Medienpolitik geworden ist.
Leute vom Schlage eines Peter Scholl-Latour sind zweifellos Ausnahmeerscheinungen. Sie beziehen ihr Wissen mehrheitlich aus einer selbst gewählten Strategie des Ausgesetztseins, aus einem sich Einlassen auf fremde Kulturen und Denkkategorien, auf verlässliche Informanten aus dem politischen Milieu und aus einem Ressentiment gegenüber regierungsamtlichen Verlautbarungen.
Man darf Vermutungen darüber anstellen, ob Scholl-Latour heute nicht längst auf jener Liste stünde, auf der Personen und Meinungen vermerkt sind, die als „umstritten“ gelten.
„Russland im Zangengriff“ ist ein hoch aktuelles Buch, das keineswegs in die Jahre gekommen ist. Seine ehrlich und aufwändig erarbeiteten Hintergrundinformationen sind für das Verständnis der aktuellen Lage ebenso wichtig, wie die Vermittlung einer journalistischen Tätigkeit, die als nachahmenswert gelten darf. Hinzu kommt, dass Scholl-Latour seine Leser an zahlreichen Stellen des Buches mit einer bemerkenswerten literarischen Qualität konfrontiert, welche die immerhin 417 Seiten zu einer nicht nur spannenden, sondern gut lesbaren Lektüre machen.
Russland im Zangengriff
Putins Imperium zwischen
NATO, China und Islam
Ullstein-Verlag / ISBN 978-3-548-36979-2
14,99€